„Was macht ihr denn schon hier?“ >> So begann eine Hörder Kindheit, erzählt von Helga Hauschild.

Aber für 4 Personen war dieser Raum viel zu klein. Für ein paar Nächte konnten wir bei einem Schrei­ner in der Eckardtstraße in der Werkstatt übernachten. Ich habe, wie auf dem ganzen Weg auch, auf meinem kleinen Koffer geschlafen.

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Mein Name ist Helga Hauschild geb. Sanß, 1942 in Dortmund geboren, im Frühjahr 1943 ins Erzgebirge evakuiert und zurück im Sommer 1945 nach Dortmund.

Totalansicht Hörde Quelle: unbekannt
Totalansicht Hörde                                                                                                                                                               Quelle: unbekannt

Meine Mutter, mein Bruder und ich landeten in Hörde. Warum ausgerechnet Hörde? Ich hatte keine Ahnung, wie auch mit drei Jahren!

Auf dem Weg vom Bahnhof steht plötzlich ein Mann vor uns, schaut ganz entgeistert und fragt: „Was macht ihr denn schon hier?“ Da stand er vor uns, mein mir unbekannter Vater, der auch erst vor kurzer Zeit aus Frankreich zurückge­kehrt war. Ich verstand nicht was er meinte, ich war eben noch zu klein. Aber so begrüßte er seine Lieben, total überrascht uns zu sehen. Wo er doch uns bis jetzt, im Erzgebirge, in Si­cherheit glaubte. Dort wo es uns eigentlich, trotz Hungerphasen, wie auch Anderen gut erging. Erst vor kurzem war meine an Diabetes erkrankte Oma verstorben. Und nun drängten die Russen vor und viele Frauen, auch meine Mutti, hatten Angst vor ihnen. „Wir versuchen nach Dortmund zu kommen, mit Sack und Pack, egal ob mit dem Zug oder zu Fuß“ hatte meine Mutti noch gesagt. So machten wir uns auf den Weg zurück nach Dortmund. Mein Vater hatte für sich schon ein kleines Zimmer angemietet, wo er sein Büro eingerichtet hat und sein Geld als Steuerberater verdienen wollte.

Piepenstockplatz mit Brunnen Quelle: unbekannt
Piepenstockplatz mit Brunnen                                                                                                                 Quelle: unbekannt

Aber für 4 Personen war dieser Raum viel zu klein. Für ein paar Nächte konnten wir bei einem Schrei­ner in der Eckardtstraße in der Werkstatt übernachten. Ich habe, wie auf dem ganzen Weg auch, auf meinem kleinen Koffer geschlafen.

St.-Josefs-Hospital // vom Oelpfad gesehen Quelle: unbekannt
St.-Josefs-Hospital // vom Oelpfad gesehen                 Quelle: unbekannt

Dann kam endlich der Tag und wir bekamen 2 Zimmer in der Wilhelm-Schmidt-Straße, genau gegenüber dem Haupteingang des St. Josefs-Hospital. Jetzt begann meine Kindheit am Clarenberg. Zur der einen Seite, Richtung Benninghofer Straße und Oelpfad war der „Alte“ und zur anderen Seite der „Neue“ Clarenberg und ich dazwischen. Auf der alten Seite gab es zur Straße hin noch die damaligen Ställe, jetzt waren es Plumpsklos. Einige Anwohner hatten aber auch schon ein WC im Haus. Auf dieser Seite habe ich mich nicht so viel aufgehalten, denn auf dem neuen Teil war mehr Platz zum Spielen und mehr Kinder. Die Häuser hatten alle einen Vorgarten mit vielen Obstbäumen und hinterm Haus bis zur Krankenhausmauer wurde Gemüse angepflanzt. War das Obst reif sind meistens die Jungens raufgeklettert und haben das hoch hängende Obst runter geworfen, wo es dann unter allen Kindern verteilt wurde. Die Leute ließen immer extra was für uns hängen. Herrlich, frisches Obst direkt vom Baum und mit dem Einverständnis der Besitzer durfte „geklaut“ werden. Manch einer meckerte auch „seid ihr schon wieder in den Bäumen?“, drehte sich um und ging lachend ins Haus. Das gehörte auch dazu und machte doch erst den Reiz aus. Hier spielten alle Kinder miteinander, Groß und Klein, Junge und Mädchen, Alt und Jung. Unsere gemeinsamen Spiele orientierten sich an den Jahres­zeiten. Vorbei war der Winter – Rollschuhlaufen. Meine ersten Rollschuhe hatten Eisenräder die sich mit der Zeit abwetzten. Ich lag mehr auf der Nase als ich lief. Dann bekam ich neue Rollschuhe, toll, mit Kugellager. Was für ein Reinfall, aus denen flogen die Kugeln raus und dann fingen an die Rollen an zu eiern. Das war natürlich auch nicht so schön, aber im Rückblick doch recht lustig.

Hörder Brücke mit Park Quelle: unbekannt
Hörder Brücke mit Park                                                                                                          Quelle: unbekannt

Dann kam der 1. Mai, der Tag der Arbeit! Ein besonderer Tag, für uns Kinder auch ein Ritual, denn ich durfte ab da wieder Kniestrümpfe anziehen. Auf der Benninghofer Straße gab es einen Maiumzug mit viel Musik und wir bekamen Fähnchen geschenkt. Der Sommer konnte kommen und mit ihm änderten sich unsere Spiele; Ballspiele, Räuber und Gendarm oder auch Fangen und Verstecken. Verstecken war schön, es war ja so viel Platz da und tolle Gelegenheiten als Versteck. Wenn es richtig warm wurde, gingen die „Großen“ ins Freibad nach Wellinghofen und wir Mädchen verzogen uns mit unseren Puppen in die hinteren Gärten. Gingen die Freun­dinnen zum Abendessen ins Haus, ging auch ich nach Hause.

Hörder Brückenplatz früher Chausseestraße Quelle: unbekannt
Hörder Brückenplatz früher Chausseestraße                                                                                                                 Quelle: unbekannt

Im Winter dagegen ging es nach Hause wenn die Gaslaternen angezündet wurden, wir hatten ja keine Uhren. Auf der Benninghofer Straße gab es einen Tabakwarenladen und der nette Herr gab uns manchmal, nach freundlicher Nachfrage, eine leere Zigarrenkiste. Das war ein Schatz, unsere kleinen Puppen hatten nun ein Bettchen. Bekamen wir dann noch Stoffreste und Watte, war das Glück perfekt. Daraus wurde dann das  Bettzeug. Als wir Kleinen größer wurden gingen auch wir ins Freibad nach Wellinghofen und auf dem Heimweg kamen wir an den Kleingärten am Grimmelsiepen vorbei. Zur Stärkung wurden ein paar Mohnkapseln gepflückt und sofort verputzt. Sie schmeckten gut, aber ob sie für uns gesund oder wir davon high waren, keine Ahnung, Hauptsache lecker! Gegenüber, am heutigen Aldi, befindet sich immer noch der Marksbach, er hatte auf uns Kinder eine magische Anziehungskraft. Auch wenn die Eltern es nicht so gerne sahen wenn wir dort spielten, wir sind trotzdem hin. Frösche, Salamander und Kaulquappen gefangen und wieder frei gelassen, nach kleinen Schlangen gesucht aber keine gefunden. Oft saßen wir mit unserem Hintern im Bach, der Sprung darüber gelang uns eben nicht immer. Die Kleider nass haben wir uns bis auf den Schlüpfer ausgezogen, sie dann auf die Wiese in die Sonne zum trocknen gelegt und sind dann Blümchen pflücken gegangen. Wir mussten ja unser schlechtes Gewissen beruhigen, aber Mutti wusste natürlich sofort wo die Blumen herkamen und wieso wir sie mitbrach­ten. Dann kam der Herbst, Zeit zum Knickern, mit Ton-, Glas- und ich sogar mit Eisenkugeln. Ein Onkel brachte mir diese manchmal von Phoenix mit. Das Spiel mit dem Diabolo war nur was für uns Mädchen. Oder der Eistopf (Kegelförmig und spitz nach unten zulaufend) wurde mit einer Peitsche, Stange oder einem kleinen Ast mit Band dran, geschlagen und damit beschleunigt um sich schnell zu drehen. Je länger er sich drehte desto besser. Ich glaube, das kennt heute niemand mehr.

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Krankenhaus Bethanien                                                                                                    Quelle: unbekannt

Nach dem Herbst kommt, na was wohl, der Winter und wenn Schnee lag, was damals noch die Regel war, wurde mit Leidenschaft und allen Kindern gerodelt. War das eine Wonne. Immer schön den abschüssigen Clarenberg runter. Unten zur Kippe (heute Benninghofer Straße) ging es in einen schmalen Weg, links und rechts Hecke. Dort hatte die Stadt irgendwann Eisenpfähle platziert um die Radler auszubremsen. Aber leider auch ein Hindernis für uns Rodler, doch die größere Jungens versetzten diese Pfosten schnell und wir hatten freie Fahrt. Das war uns ganz wichtig, wenn wir „Kette“ fuhren, also drei Schlitten hintereinander und miteinander verbunden, ging es mit Schmackes den Berg runter. Und wie schon erwähnt, alle Kinder egal wie alt, es ging um den gemeinsamen Spaß und der war nicht zu überhören. Dann war da noch der Sommer und das Eis. Ich ging in die Stiftschule und manchmal machte ich auf meinem Heimweg einen Umweg an der Kirche vorbei über die Brücke nach Hause. Warum? Ganz schnell erklärt; ich hatte 20 Pfennig und am Anfang der Brücke, oh wie schön, befand sich die erste Eisdiele in Hörde. Für diese 20 Pfennig wurde mit einem Spachtel Eis in eine quadratisch-bauchige Waffel gefüllt. Für 10 Pfennig gab es sogar schon Hörnchen. Ja die Hörder Brücke, so schön anzusehen und doch so gefährlich. Die Holzfahrbahn wurde bei Nässe spiegelglatt, einmal konnte ich mich nur noch mit rennen, rennen, rennen, schnell in Sicherheit bringen als ein Auto ins Schlingern geriet.

Hörder Brücke von Benninghofer Str. kommen Quelle: unbekannt
Hörder Brücke von Benninghofer Str. kommen                                                                                                              Quelle: unbekannt

Auch erinnere ich mich noch an einen sehr leckeren Sandkuchen vom Bäcker auf der Benninghofer Straße. Den gab es als „Danke schön“ weil meine Mutti bemerkt hatte wie aus der Garage nebenan, da stand der Wagen des Bäckers drin, Qualm kam. Der Bäcker wurde schnell informiert und so konnte Schlimmeres verhindert werden. Mein Wunsch „das Auto möge doch noch einmal brennen“ wurde leider nicht erfüllt. Eine weitere sehr schöne Erinnerung nenne ich „Nachts im Schnee“. Auch den gab es auf dem Clarenberg. Mutti weckte uns einmal mitten in der Nacht, es war ziemlich hell (Vollmond und Schneefall) und wir hörten lachende Kinder. Es schneite und die Straße hatte schon eine dicke Schnee­decke und die „lachenden“ Kinder machten eine Riesenschneeballschlacht und auch ich war dann mittendrin. Nach ungefähr einer Stunde mussten wir wieder ins Haus und ab ins Bett, am nächsten Morgen war schließlich Schule angesagt. Ich glaube, so schön und so viel hat es nie wieder geschneit.

Stift Klarenberg Quelle: unbekannt
Stift Klarenberg                                                                                                                                               Quelle: unbekannt

Und dann war da noch die Geschichte von dem kleinen, schmalen „Hänfling“, dreimal in der Woche stand der vor unserem Fenster und rief: „Tante Sanß, hast du bitte ein Butter mit Zucker für mich?“ Ob er Hunger hatte oder es einfach nur gerne aß, egal er bekam sein Butter mit Zucker. Unbedingt erwähnen muss ich noch was uns Kinder vor Fronleichnam sehr beeindruckt hat. Nonnen aus dem St. Josefs-Hospital, mit ihren riesigen weißen Hauben und den lan­gen schwarzen Gewändern, legten singend aus Blüten und Blumenblättern einen großen Blumenteppich vor den Eingang des Krankenhauses. Hier hielt dann auch die Prozession zu einer kurzen Andacht. Wir Kinder vergaßen abends nicht zu beten, denn es sollte doch nicht regnen. Wir bewunderten die Fleißarbeit der Nonnen und das wunderschöne Ergebnis jedes Jahr.

 Faßstraße Quelle: unbekanntFaßstraße                                                                                                                                                            Quelle: unbekannt

Es gibt noch viele schöne Erinnerungen an diese traumhafte Kindheit ohne Autos. 1954 wurde sie jedoch beendet denn wir zogen in eine große Wohnung nach Hombruch. Hombruch war aber nicht mein Clarenberg, dem ich sehr nach­getrauert habe. Aber dort begann dann meine Jugend, auch recht schön. Heute wohne ich in Wellinghofen und gehe doch immer mal wieder gerne nach Hörde.

Jürgen

Jürgen

Beamter, Redakteur, Fotojournalist, Fotograf und Hörder bei Augen-Blicke Photos by J. Hüsmert
... mmhhhh über mir? Also es könnte evtl. wat längeres werden. 1957 geboren, naja Schule und sowat isja klar woll? Mit 6 vonne Elterns die erste Knipse bekommen, Plastik - im VW-Käfer hinten gelegen, am Strand - Nordsee - war sehr warm - also geschmolzen. Aber die paar Tage hatten gereicht um den Virus in meinen Kopp einzubringen. Jahre später kam ich in die Ausbildung, erstes Geld - gespart und dann nach Foto Porst - meine erste Spiegelreflex gekauft. Und ab die Post - knipseknipseknipse. War aber nicht so dolle und deshalb kam dann irgendwann eine "Yashica FR I". Die Jahre vergingen, Autos waren mir sehr wichtig, nee sind'se heute noch - nur nicht mehr soviel Hubraum - Frauen kamen und gingen, eine blieb hängen - ist immer noch da und das schon seit 1987 mit Ring. Tochter kam 1992 dazu und ich habe immer irgendwie geknipst. Bis Ende 2010, da habe ich mir die erste digitale Spiegelreflex zugelegt, eine SONY alpha 550 kurz danach ein Modellwechsel zu a77 und dann zur a99 Vollformat. Als BackUp die a6000, da die a57 nun meine Tochter nutzt. Reichlich Gläser und Kleinkram dazu. Und heute nehme ich mir viel Zeit bevor eine Aufnahme entsteht und das nennt man dann "Fotografieren", hinstellen durch den Sucher schauen und auslösen nennt man "knipsen". Dieses Hobby betreibe ich nun seit über 50 Jahren, mit kleineren und auch größeren Pausen und hin und wieder gehe ich mal angeln - so um mal etwas zu "chillen" - ein Scheißwort ist das als Umschreibung für das gute deutsche ausruhen!!!! Beruflich bin ich, nachdem ich zwei Ausbildungen als Großhandels- und EDV-Kaufmann hinter mich gebracht habe, mal verbeamtet worden. Auch so ein Krampfausdruck. Wenn alles gut geht gehe ich 09/2020 "vorzeitig" in Pension und dann rockt endlich wieder der Bär. Hoffentlich!!!!! Nebenberuf habe ich ganz vergessen; weil ich doch irgendwie mein Hobby das Fotografieren bezahlen musste habe ich einen Nebenjob angenommen und arbeite als freier Fotojournalist, u. a. für ein Dortmunder Regionalmagazin. Ich habe dabei einen Riesenspaß und bekomme den auch noch bezahlt. Wenn ich nicht schon, altersmäßig so Fortgeschritten wäre würde ich doch glatt noch umsatteln. So, nun wißt ihr ein wenig (ist doch länger geworden) über mich.

Ich komm aussem Pott, dat is da woste die Meinung mitten im Gesicht geklatscht krist.
Jürgen

2 Kommentare

  1. Ursula Friese

    Liebe Helga ,als ich Ihren Bericht gelesen hatte ,kam es mir vor ,als wenn es meine Lebensgeschichte ist .In manchen Sätzen habe ich mich wiedererkannt.Wir wurden auch vertrieben und später dann wieder in Hörde zu landen . Jetzt wohnen mein Mann und ich schon 43 Jahre am Clarenberg .
    Wir fühlen uns hier wohl und gziehen auch nicht mehr weg
    Das andere kommt mir alles, kommt mir sehr bekannt vor .
    Mein Name ist Ursula Friese geb. Tippler und ich danke Ihnen für diesen,Ihren Bericht..
    LG

    1. Hallo Frau Friese,
      vielen Dank das Ihnen mein Artikel (den ich mit Frau Hauschild verfasst habe) gefällt.
      Leider kann ich den Kommentar nicht weiterleiten da Frau Hauschild kein Internet hat.

      Mit freundlichem Gruß
      Jürgen Hüsmert

      (Redaktion „Wir in Hörde“)
      IN-Media Schwalm
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